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Dienstag, 09. März 2021

Vom vierten Herbstmonat nichts Neues…

Der Dezember 2020 war mild, trüb und trotz vieler Regentage zu trocken

Kreis Holzminden (11.01.2021). Offiziell beginnt in der Zählweise der Meteorologie am 1. Dezember der Winter – und für kurze Zeit sah es so aus, als wollte sich das Wetter in diesem Jahr zumindest ein wenig an diese Vorgabe halten: Pünktlich zum Start in den neuen Monat und die neue Jahreszeit fiel der erste Schnee im Solling und sorgte dort für ein zumindest vorübergehendes frühwinterliches Bild. Doch die dünne Schneedecke verschwand so schnell, wie sie gekommen war, und nach einer etwa durchschnittlich temperierten ersten Dekade erfolgte eine durchgreifende und bis zum Beginn des Weihnachtsfestes anhaltende Milderung. Danach wurde es zwar wieder kälter, aber der erste echte Wintereinbruch ließ weiter auf sich warten. Unter dem Strich stand schließlich wie so häufig seit 2011 ein sehr milder Dezember, in dem es zwar oft, aber meist nur unergiebig regnete und sich die Sonne nur selten durch die dichte Wolkendecke kämpfen konnte.

Mit einer Mitteltemperatur von 4,46 Grad Celsius war der Dezember 2020 an der DWD-Station in Bevern um 2,37 Kelvin wärmer als im Mittel der Jahre 1981 bis 2010. Dieses 30-Jahres-Mittel, das ab dem Jahr 2011 vom DWD und anderen europäischen Wetterdiensten zur Dokumentation der voranschreitenden Erwärmung zusätzlich als Vergleichswert zur offiziell gültigen WMO-Referenzperiode von 1961 bis 1990 herangezogen wurde, findet in diesem Monatsrückblick letztmals Verwendung.

Ab 2021 gilt dann das neue 30-Jahresmittel von 1991 bis 2020, über das wir bereits im Laufe der letzten Monate regelmäßig berichtet haben. Um den langfristigen Klimatrend bei der Temperatur aber nicht aus den Augen zu verlieren, wird auch der mittlerweile gern als „old climate“ bezeichnete Durchschnitt der Jahre 1961 bis 1990 weiter als Bezugsgröße in die Auswertungen einfließen.

Betrachtet man die Entwicklung des Dezembers im Vergleich dieser beiden Perioden, ergibt sich eine durchschnittliche Erwärmung von genau einem Kelvin in den letzten 30 Jahren – von 1,75 auf 2,75 Grad. Da es gelegentlich Nachfragen bezüglich der Verwendung der Maßeinheiten Grad Celsius und Kelvin gibt, soll diese kurz erläutert werden: Die Celsius-Skala der Temperatur ist so definiert, dass die Temperatur in Grad Celsius gemessen gegenüber der Temperatur in Kelvin um exakt 273,15 verschoben ist. Durch diese Festlegung wurde erreicht, dass die Differenz zwischen zwei Temperaturwerten in Kelvin und Grad Celsius gemessen zahlenmäßig gleich groß ist und gleichwertig verwendet werden kann. Soweit die Theorie…

In der Praxis wird in der Meteorologie ein Temperaturwert in Grad Celsius angegeben, eine Temperaturdifferenz aber in Kelvin – deshalb stehen beide Einheiten häufig zusammen bei der Auswertung der Temperaturen.

Die Erwärmung des Dezembers um genau 1,0 K in den letzten 30 Jahren entspricht fast dem durchschnittlichen Anstieg der Jahrestemperatur von 1,07 K und ordnet sich im Vergleich der einzelnen Monate im Mittelfeld ein. Eine Sonderrolle nimmt der Dezember jedoch in den letzten zehn Jahren ein: Betrachtet man nur die Jahre 2011 bis 2020, so erreichte die Mitteltemperatur an der Station in Bevern bereits 4,47 °C – das sind nur 0,4 K weniger als ein durchschnittlicher November der Jahre 1961 bis 1990.

Nicht nur subjektiv, sondern auch anhand dieser Zahlen festigt sich das Bild vom „vierten Herbstmonat“, der zwar auch in früheren Zeiten in den Niederungen häufiger spätherbstlich als hochwinterlich daherkam, aber noch nie so lange und so ausgeprägt. Lediglich die erste Monatshälfte 2012 bildete im abgelaufenen Jahrzehnt eine winterliche Ausnahme, die über den Status eines Intermezzos hinauskam.

Diese aus Wintersicht ernüchternde Bilanz gilt für die Station in Bevern auf 110 Metern über NN und vergleichbare Höhenlagen der Region. Weiter oben wie im Hochsolling reicht es zwar im Dezember in der Regel auch weiterhin für zeitweise winterliche Verhältnisse mit Schneefall, doch auch dort dominieren seit einigen Jahren an den meisten Tagen der Adventszeit die Farben Grün und Braun. Das untermauern auch die Zahlen der DTN-Unwetterreferenzstation im Kurgarten von Silberborn: Die Monatstemperatur lag mit 2,4 °C um 2,2 K über dem dortigen Mittel der Jahre 1981 bis 2010. Zwar gab es 15 Frosttage, die sich aber fast nur im sehr leichten Bereich bis minus 1,5 °C abspielten – mit Ausnahme der beiden Weihnachtstage, als bis zu minus 4,3 °C gemessen wurden. Dauerfrost- oder Eistage gab es keinen, und die Kältesumme, bei der die negativen Tagesmittel addiert werden und die einen wichtigen Kennwert für die Einordnung eines Wintermonats bildet, betrug auf rund 430 Metern Höhe gerade einmal 3,4 K.

In Bevern, um noch einmal ins Wesertal zurück zu schwenken und den Abschnitt zur Temperatur abzuschließen, lag dieser Wert bei 0,0. Die Anzahl der Frosttage war mit fünf genauso niedrig wie im November und damit deutlich unterdurchschnittlich. Die kälteste Nacht war die zum zweiten Weihnachtstag mit einem Tiefstwert von minus 3,2 °C. Vier Tage zuvor, am 22., hatte es mit 14,4 °C Höchsttemperatur und 11,0 °C Mitteltemperatur noch neue Tagesrekorde gegeben, die aber mittlerweile fast schon zur Gewohnheit geworden sind.

Was jedoch ein außergewöhnliches, möglicherweise auch bisher einmaliges Ereignis im bundesweiten Vergleich darstellt: Der auf den ersten Blick unscheinbare Tiefstwert am 28. Dezember in Bevern von 4,0 °C war an jenem Tag der höchste unter den fast 500 Klimastationen des DWD in Deutschland, ebenso wurde das in fünf Zentimetern über dem Erdboden gemessene Minimum von 1,5 °C von keiner anderen Station übertroffen. Da Bevern aufgrund der Flusstal- und Ortsrandlage eher zu den „nachtkalten“ Stationen gehört und um diese Jahreszeit Nord- und Ostsee noch vergleichsweise warm sind, muss schon eine ganz besondere Konstellation eintreten, damit solch eine kleine Rarität „am Rande der Ereignisse“ auftreten kann.

Hauptgrund für die recht milden Nachtwerte war die häufig starke bis geschlossene Bewölkung, die eine nennenswerte Ausstrahlung verhinderte. Tagsüber bedeutete dies ein Himmelsbild, das man am besten mit einem der Klassiker des früheren Sportreporters Fritz von Thurn und Taxis beschreiben kann: „Die Sonne scheint, ich sehe sie nicht, denn es ist bewölkt.“ Doch manchmal fand die Sonne dann doch ein paar Wolkenlücken, und am 18. und 19. Dezember mogelten sich sogar zwei freundliche Tage dazwischen. Die Monatssumme lag mit lediglich knapp 27 Stunden dennoch um 20 Prozent unter ihrem alles andere als üppigen Mittel von 1981 bis 2010. Auch in der neuen Klimaperiode von 1991 bis 2020 kommt dieser Wert kaum vom Fleck und verharrt unter 35 Stunden.

Aus den zahlreichen Wolken fiel zwar häufig Regen, bis auf die Tage vor Weihnachten handelte es sich aber meist um sehr geringe Mengen. So wurden in Bevern 22 Niederschlagstage registriert, die Monatssumme von 45,8 Millimetern verfehlte den Durchschnittswert der Jahre 1981 bis 2010 von 83,5 Millimetern jedoch deutlich. Das neue Klimamittel ab 1991 liegt mit 76,5 Millimetern etwas niedriger, doch auch in diesem Kontext ist auch der Dezember als klar zu trocken einzustufen, nachdem der November ein noch höheres Defizit aufwies. Die Zahlen aus Silberborn schlagen in dieselbe Kerbe: Mit 62,4 Millimetern wurden dort ebenfalls nur knapp 55 Prozent des Klimamittels erreicht. Zu Monatsanfang und zum Ende fielen die Niederschläge im Hochsolling teils als Schnee, ganze drei Schneedeckentage mit maximal zwei bis drei Zentimetern sind allerdings für diese Region eine sehr magere Ausbeute.

Die Daten der anderen Messstellen des DWD für Niederschlag und Schnee im Kreis und seinen Nachbargemeinden lesen sich entsprechend: Mit 38,9 Millimetern in Lüchtringen, 42,8 in Polle, 43,7 in Ottenstein, 41,7 in Hehlen und 42,5 in Vorwohle lagen die meisten Werte sehr eng zusammen, nur in der Umgebung des Sollings war es in Amelith mit 53,8 und in Hellental mit 59,6 Millimetern etwas mehr – im dortigen feuchteren Klima liegen aber auch die Durchschnittswerte höher. Polle und Hellental meldeten je einen Schneedeckentag mit der Mindesthöhe von einem Zentimeter, Amelith deren zwei mit zwei Zentimetern, ansonsten blieb es grün oder es war maximal leicht angezuckert.

Die Analyse der Großwetterlagen (GWL) offenbart häufige Süd-, teils auch Südwestlagen, bei denen sich Tiefdruck westlich über den Britischen Inseln und Hochdruck östlich von uns befand, atlantische Fronten mit ergiebigeren Niederschlägen erreichten dabei meist nur den äußeren Westen und Nordwesten Deutschlands sowie den Stau der westlichen Mittelgebirge. Dort fiel mehr Regen als im Durchschnitt, in einem breiten Streifen über der Mitte bis in den Osten war es hingegen deutlich zu trocken. Lediglich zu Monatsbeginn und über die Weihnachtstage war kurzzeitig auch mal der Großwettertyp Nord aktiv. Die mildeste Phase trat in den Tagen vor Weihnachten auf, was der Singularität Weihnachtstauwetter entspricht, wobei es freilich wie so oft nichts zu tauen gab. Und trotz des Temperaturrückgangs zu den Feiertagen blieb die weiße Weihnacht wieder einmal aus und liegt nun bereits zehn Jahre zurück. (Jürgen Höneke)

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