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Dienstag, 09. März 2021

Erstmals steht die 11 vor dem Komma

2020 war das wärmste Jahr seit Aufzeichnungsbeginn / Viel Sonne und erneut zu wenig Regen

Kreis Holzminden (16.01.2021). Der zweitwärmste Winter der Messgeschichte, kein Schneedeckentag in den Niederungen, Sturm und viel Regen von Anfang Februar bis Mitte März mit anschließendem Hochwasser, ein neuer Sonnenscheinrekord im April, eine knackige Hitzewelle und ein Tornado im August, Spätsommerhitze und viel Sonne im September, ein grauer statt goldener Oktober, ein sehr trockener November und ein weiterer sehr milder und schneeloser Dezember – so verlief das lokale Wetterjahr 2020 im Zeitraffer. Unter dem Strich stand das wärmste Jahr seit Beobachtungsbeginn mit dem erstmaligen Erreichen der 11-Grad-Marke, die vierthöchste Summe der Sonnenscheindauer sowie ein erneutes Niederschlagsdefizit.

Mit einer Mitteltemperatur von 11,01 Grad Celsius wurde der erst zwei Jahre alte Rekord aus dem Jahr 2018 an der DWD-Station in Bevern um 0,04 K und das Klimamittel der Jahre 1981 bis 2010 um fast 1,6 K übertroffen. Selbst das ab 2021 offiziell gültige, neue und jüngste Referenzmittel der Periode von 1991 bis 2020 erscheint angesichts der positiven Abweichung des abgelaufenen Jahres um 1,14 K schon fast wieder „überholt“ – wobei man freilich Vorsicht walten lassen sollte vor voreiligen Schlüssen. Dennoch steht das letzte Jahrzehnt von 2011 bis 2020 ganz im Zeichen einer fortschreitenden und offenbar seit Sommer 2013 auch beschleunigten Erwärmung: Vier der fünf wärmsten Jahre seit Aufzeichnungsbeginn im Juni 1934 fallen in die letzten sieben Jahre ab 2014.

Jahrestemperaturen von über zehn Grad sind seitdem die Regel geworden, nachdem diese Schwelle 1990 erstmals und bis 2005 nur fünfmal überschritten wurde. Der Durchschnittswert der letzten 20 Jahre liegt bereits über zehn Grad, das neue 30-Jahres-Mittel seit 1991 mit 9,87 °C nur knapp darunter. Im Vergleich mit der alten Referenzperiode von 1961 bis 1990 beträgt die Erwärmung 1,07 Kelvin. Am stärksten haben sich die Monate Januar, April, Juli und August mit Werten von 1,44 bis 1,59 K erwärmt, am schwächsten fällt sie in den drei Herbstmonaten mit 0,40 K (Oktober) bis 0,78 K (November) aus. Eine Sonderrolle nimmt der Dezember ein: Der erste Wintermonat hing bis 2010 ähnlich wie die Herbstmonate ein ganzes Stück zurück, machte seit 2011 aber einen deutlichen Satz nach oben und war der Monat mit der mit Abstand größten Erwärmung in den letzten zehn Jahren. Ein durchschnittlicher Dezember dieses Zeitraums war nur geringfügig (0,4 K) kälter als das Novembermittel von 1961 bis 1990 – diese Zahlen untermauern den subjektiven Eindruck, dass sich unsere Winter zumindest in den Niederungen zunehmend wie ein endloser Spätherbst präsentieren.

Schauen wir einige hundert Meter höher und betrachten die Werte der DTN-Unwetterreferenzstation im Kurgarten in Silberborn auf 440 Metern, ergibt sich folgendes Bild: Die Jahresmitteltemperatur übertraf mit 8,89 °C ihr langjähriges Klimamittel von 1981 bis 2010 um 1,46 K, was in der Gesamtbilanz der Hochsolling-Messreihe das zweitwärmste Jahr seit Beobachtungsbeginn 1937 bedeutet. Der Wärmerekord von 2018 wurde hier um zwei Zehntel verfehlt. Die Ursache dafür liegt in erster Linie am unterschiedlichen Herbstverlauf: Während diese Jahreszeit in Bevern im Jahr 2020 gegenüber 2018 um 0,4 K wärmer bilanzierte, war es in Silberborn vor zwei Jahren um 0,1 K wärmer. 2018 brachten häufige höhenwarme Hochdrucklagen mit Bodeninversionen kältere Nächte im Wesertal als 2020, während es in Silberborn aufgrund der Höhenlage relativ betrachtet wärmer blieb.

Beim Niederschlag steht bei der Jahressumme ein erneutes Defizit. Dieses fiel wie 2019 zwar nicht markant aus, doch im Zusammenhang mit dem Trockenjahr 2018 und der durch Wärme und Sonnenschein gestiegenen Verdunstung und dem daraus resultierenden höheren Bedarf der Vegetation fällt die Bilanz erneut besorgniserregend aus, zumal sich der Trend zu längeren trockenen Phasen im Frühjahr und im Sommer weiter verstärkt hat. Einzelne, eher punktuelle Starkregenschauer in den Sommermonaten sind dafür kein Ausgleich, weil große Teile solcher Niederschlagsereignisse abfließen und nicht in die tieferen Bodenschichten vordringen.

An der Station in Bevern wurden mit 735,8 mm knapp 93 Prozent der 30-Jahresmittel von 1961 bis 1990 und 1991 bis 2020 gemessen, diese beiden Referenzperioden unterscheiden sich mit 795 beziehungsweise 793 Millimetern kaum voneinander, so dass hier anders als bei der Temperaturentwicklung kein eindeutiger Trend vorliegt – es gilt aber wie erwähnt, den erhöhten Bedarf und die veränderte Verteilung zu beachten. Gegenüber der nasseren Periode von 1981 bis 2010, die in diesem Jahr letztmals als Hilfsreferenz verwendet wird, betrug das Defizit hingegen über 12 Prozent. Beim festen Niederschlag gab es den zweiten Totalausfall nach 1989, erst zum zweiten Mal gab es keinen Tag mit einer Schneedecke zum morgendlichen Meldetermin.

In Silberborn fielen mit 875,5 mm nur 78 Prozent des Mittels von 1981 bis 2010, gegenüber der Periode von 1961 bis 1990 waren es knapp 82 Prozent. Die Fehlmenge war also größer als in den tiefen Lagen der Region. Das jüngste Klimamittel der Jahre 1991 bis 2020 lässt sich aufgrund der Messlücke von Oktober 2008 bis November 2016 nur abschätzen, es dürfte aber mit rund 1.050 mm deutlicher unter dem 30 Jahre älteren Mittel liegen als in Bevern, der Rückgang dürfte in Silberborn etwa 23 mm betragen. Anders als im Wesertal reichte es zwar für einige Schneedeckentage, doch ganze acht Stück markieren für den Solling einen neuen traurigen Tiefststand, der zuvor im Jahr 1989 mit neun Tagen registriert worden war. Immerhin brachten die letzten Februartage mit vorübergehend gut 10 cm etwas „Winterfeeling“, doch sollte man nicht die Augen davor verschließen, dass der Solling wie auch andere kleine Mittelgebirge in vergleichbarer Höhe zu den Verlierern des Klimawandels in Sachen Winterwetter und Wintersportmöglichkeiten gehören.

Die Sonne schien in der Region etwa 1.733 Stunden lang, das sind fast 280 Stunden oder rund 19 Prozent mehr als im langjährigen Mittel von 1981 bis 2010. Damit war es das viertsonnigste Jahr seit Messbeginn dieses Parameters im Jahr 1951, und erstmals übertrafen drei Jahre in Folge die Marke von 1.700 Stunden. Am längsten schien die Sonne im April mit 294 Stunden (neuer Rekord), am trübsten war es im Dezember mit nicht einmal 27 Stunden beziehungsweise relativ zum Klimamittel im Oktober mit 51 Stunden, was nur gut der Hälfte des Durchschnitts entspricht. Die bundesweite Spanne bei der Jahressumme lag zwischen 2.123 Stunden in Kaufbeuren im Allgäu und 1.614 Stunden auf dem Brocken.

Wie errechnet sich die Jahresmitteltemperatur?

Bevern gehört zum nebenamtlichen Klimastationsnetz des DWD. Bis auf die Schneehöhe werden alle Daten vollautomatisch erfasst und gespeichert. Alle zehn Minuten wird ein Datensatz geschrieben. Dieser enthält unter anderem die aktuelle Temperatur in zwei Metern Höhe über dem Erdboden (Minutenmittel am Ende des Zehn-Minuten-Intervalls).  Das um XX:50 Uhr gemessene Minutenmittel (immer „zehn vor der vollen Stunde“) bildet den Stundenwert ab. Aus den 24 Stundenwerten von 00:50 Uhr bis 23:50 Uhr MEZ oder 01:50 bis 00:50 MESZ wird das Tagesmittel gebildet und aus allen Tageswerten eines Monats das Monatsmittel, indem die Summe der Tagesmittel durch die Anzahl der Tage dividiert wird. Das Jahresmittel schließlich ist das arithmetische Mittel der Monatsmittelwerte, wobei alle zwölf Monate unabhängig von der Anzahl ihrer Tage gleich gewichtet werden. (Jürgen Höneke)

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