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Mittwoch, 21. April 2021

Die Akten der Paulskirche

Aus den Historischen Bibliotheken im Schloss Bevern

Bevern (01.03.2021). „Meine Herren! Das sehr zweideutige Glück, einer der Aeltesten in dieser Versammlung zu sein, verschafft mir die Ehre, an diesem Tage das Präsidium einer Versammlung zu führen, wie sie Deutschland noch nie gesehen, einer Versammlung, deren Beruf es ist, ein bedeutendes Stück der Weltgeschichte zu machen, einen Abschnitt in unserer Zeit, der, so Gott will, Segen bringend von der fernsten Zukunft begrüßt wird. Ich wünsche, daß der Himmel uns stärken möge, diesen hohen Beruf, der uns geworden ist, würdig zu erfüllen. Sie aber, meine Herren, bitte ich, beizutragen, was in ihren Kräften steht, daß wir ihn auf keine Weise verfehlen, indem wir uns überstürzen in Ideen, die einer Zeit angehören, die noch nicht da ist; aber noch weniger, indem wir festhalten an Dingen, die untergegangen sind.“

Mit diesen beeindruckenden Worten eröffnete Dr. Friedrich Lang als Alterspräsident am 18. Mai 1848 in der Paulskirche in Frankfurt die erste konstituierende Nationalversammlung des entstehenden Deutschen Reichs.  Man spürt die Bedeutung, die er dem Tage zumisst, aber auch schon Anflüge der Sorge, zwischen den Ansprüchen von Zukunft und Vergangenheit zerrissen zu werden.

384 Abgeordnete hatten sich in dem demokratisch gewählten Parlament eingefunden, für das die revolutionären Vorgänge im März den Weg bereitet hatten. Wissenschaftler wie Jacob Grimm und Johann Gustav Droysen, Literaten wie Ludwig Uhland und Arnold Ruge, politische Aktivisten wie Ernst Moritz Arndt und „Turnvater“ Friedrich Ludwig Jahn zählten dazu. Insgesamt prägten Gelehrte, höhere Beamte, Juristen und Adlige die Versammlung, die schon bald als Professorenparlament verunglimpft wurde. 

Ihre Aufgabe war gewaltig: einen deutschen Nationalstaat  und einen bürgerlichen Verfassungsstaat zu errichten. Trotz intensiver Arbeit scheiterte der ehrgeizige Versuch schließlich, als der preußische König Friedrich Wilhelm IV die ihm angebotene Kaiserkrone im März 1849 ablehnte. Es stellte sich heraus, dass die Zeit eben „noch nicht da“  war. Und dennoch wurde Bleibendes geschaffen, in erster Linie die Formulierung eines Kataloges unveräußerlicher Bürgerrechte. Gleichheit vor dem Gesetz, Meinungsfreiheit, Pressefreiheit, Versammlungsfreiheit, Religionsfreiheit, freie Berufswahl, Unverletzlichkeit der Wohnung, Eigentumsrechte – diese und andere Grundrechte mehr fanden 100 Jahre später ihren  Weg in die Präambel des  Grundgesetzes  der Bundesrepublik Deutschland.

Die Stenographischen Berichte über die Verhandlungen der deutschen constituirenden Nationalversammlung zu Frankfurt am Main  sind in neun Bänden von Franz Wigard herausgegeben worden.  Sie stehen in den Historischen Bibliotheken im Schloss Bevern, Abteilung Campe-Gymnasium.

Wigard war Arzt in Dresden, Professor für Stenographie und sächsischer Abgeordneter. Er hat selbst protokolliert  und die Ergebnisse Abonnenten angeboten. Sie wurden 1848 und 1849 zeitnah zu den Tagungen gedruckt und veröffentlicht, manchmal innerhalb eines Tages. Die Sammlung gibt auf 6.886 Seiten einen umfassenden Einblick in die parlamentarische Arbeit dieser Monate. 

Die Bände sind großformatig (großes Quartformat) in farbig bezogene Pappe gebunden. Sie sind äußerlich etwas abgegriffen, ihr Papierzustand ist aber überwiegend gut. Sie enthalten alle Redebeiträge, weiterhin Anträge, Petitionen, Ausschussvorlagen und Abstimmungen. Daher sind sie ein perfekter Spiegel der 231 Verhandlungstage in Frankfurt.

Der heutige Leser bekommt die Gelegenheit, die Entwicklungen  zwischen dem 18. Mai 1848 und dem 31. Mai 1849 ungefiltert nachzuvollziehen, teilzunehmen am zähen Ringen um die großen politischen Fragen dieser Monate:  Deutschland – Staatenbund, Bundesstaat oder Einheitsstaat? Wahlmonarchie, Erbmonarchie oder doch Republik? Großdeutsch oder kleindeutsch, also mit oder ohne Österreich? Die Zeit wird so auf faszinierende Weise wieder lebendig, der euphorische Anfang mit revolutionären Ideen, die Auseinandersetzung mit der sozialen Frage, später das Einschreiten der wiedererstarkenden Reaktion, aber auch andere militärische Ereignisse wie die  schleswig-holsteinische Erhebung gegen Dänemark. Komplettiert wird das Werk durch die Protokolle der Fortsetzung der Verhandlungen in Stuttgart, dazu durch die Berichte von den Tagungen des Vorparlamentes und des Fünfziger-Ausschusses im April 1848, die die Hauptversammlung vorbereitet hatten.

Auch der Kreis Holzminden war in der Nationalversammlung vertreten! Der Holzmindener Kaufmann Friedrich Stolle, ehemals Schüler des Holzmindener Gymnasiums, war als Vertreter des vierten Wahlkreises des Herzogtums Braunschweig gewählt worden. Er war zum Zeitpunkt der Wahl 53 Jahre alt. Wie er zu den Themen der großen Politik stand, lässt sich nicht  mit letzter Sicherheit sagen, da er keine größeren Redebeiträge in den Parlamentssitzungen geleistet hat. Jedenfalls nennen ihn die Inhaltsverzeichnisse der einzelnen Bände nicht als Redner.

Und dennoch lässt sich manches erschließen, da er den Fraktionen Casino (zu der auch der Parlamentspräsident Heinrich von Gagern gehörte), später Landsberg angehörte. Die Namen dieser Gruppen, Vorläufer späterer Parteien, richteten sich nach den Gasthöfen, in denen sich die Politiker trafen. Das Casino galt als gemäßigt liberal, trat ein für eine bundesstaatliche Ordnung, für eine konstitutionelle Monarchie mit Erbkaisertum. Die weiter links orientierte spätere Abspaltung Landsberg (unsere Unterscheidung der Parteien in links und rechts geht auf die Sitzordnung in der Paulskirche zurück) forderte darüber hinaus eine stärkere Stellung des Parlaments.  Man darf annehmen, dass diese Positionen im Wesentlichen auch von Friedrich Stolle  vertreten wurden. Und ebenso liegt es nicht fern, darin die politischen Anliegen des gehobenen Bürgertums im Kreis Holzminden zu sehen, denn zu ihm zählten die acht Wahlmänner, die Stolle Ende April 1848 in Eschershausen gewählt hatten.

Anfang 1949 verließ Friedrich Stolle die Verhandlungen in Frankfurt. In einer Erklärung des Präsidenten am 15.Januar 1849 heißt es dazu: „Ich habe eine Austrittserklärung zur Kenntniß der Versammlung zu bringen. Herr Stolle von Holzminden hat sein Mandat niedergelegt.“  Gründe dafür werden nicht genannt. Überforderte die lange Abwesenheit die Möglichkeiten eines Kaufmanns?  Empfand er seine Rolle im stark akademisch geprägten Parlament nicht mehr als zufriedenstellend? Oder zweifelte er bereits zur Jahreswende am Erfolg des Ringens um Veränderung? Letztlich sollte man dem Vorgang aber nicht zu viel Gewicht beimessen. Es herrschte ein reges Kommen und Gehen unter den Abgeordneten, von etwa 650 gewählten Volksvertretern waren meist nur etwa 400 anwesend, Austritte und Nachwahlen waren an der Tagesordnung.  

Die Stenographischen Berichte sind ein Schlüsseldokument der deutschen Geschichte. Sie sind sehr selten, sonst fast nur in gut sortierten staatlichen Bibliotheken vorhanden. Selbst ihr Nachdruck aus dem Jahr 1988 ist heute schon wieder fast so begehrt wie die Originalausgabe. Wie kommt nun eine solche Rarität, dazu komplett, in die Historischen Bibliotheken, die in Verantwortung des Heimat- und Geschichtsvereins Holzminden im Schloss Bevern betreut werden? Ein handschriftlicher Eintrag im Einband des ersten Bandes gibt Auskunft:  „Der Gymnasialbibliothek zu Holzm.  verehrt von Joh. Christ. Emil Sauer, Lehrer an der Herzogl. Baugewerkschule, am 29ten December 1875“.  Damit ist gesichert, dass die Bibliothek des Holzmindener Gymnasiums die Bände als wertvolles und hochgeschätztes Geschenk erhielt. J. C. Emil Sauer war selbst kein Schüler des Gymnasiums, jedoch besuchte sein Sohn Gustav 1875 die Sekunda. Von daher hatte er eine Beziehung zur Schule und sicher auch die hohe Qualität ihrer Bibliothek im Auge, die ihm als geeigneter Platz für sein Dokument der Zeitgeschichte erschien. Darüber hinaus legt die Schenkung einmal mehr  nahe, dass zwischen der Baugewerkschule und dem Gymnasium keinerlei Rivalität, sondern eine Beziehung gegenseitiger Wertschätzung bestand – ein Befund, der auch durch andere Dokumente der Historischen Bibliotheken bestärkt wird. (Werner Wellmann)

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