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Samstag, 15. Mai 2021

Prachthandschrift des Mittelalters

Aus den Historischen Bibliotheken im Schloss Bevern: das Evangeliar Heinrichs des Löwen

Bevern (03.04.2021). Wenn man mit den Fingern über die Seiten streicht, die gold- und silbergehöhten Verzierungen und Bilder fühlt und die ausgeschmückten Initialen, die kunstvoll gestalteten, schweren Seiten umblättert, dann glaubt man, das kostbare Original vor sich zu haben, und nicht ein Faksimile. Faksimiles sind nicht einfach Nachdrucke, sondern  vorlagengetreue Nachbildungen von seltenen Druckwerken oder Handschriften, die ihnen in Erhaltungszustand, Farbe und Größe gleichen.  Bedeutende Dokumente werden durch Faksimiles für Forschung und interessierte Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Im Schloss Bevern gibt es vier solcher aufwändig gestalteter Reproduktionen. Da ist der Sachsenspiegel des Eike von Repgow, ferner das Gebetbuch König Ottos III. sowie das Buchaltärchen des Herzogs Philipp des Guten von Burgund. Im Zentrum aber steht wegen seiner historischen Bedeutung und seiner prachtvollen Ausführung das Evangeliar Heinrich des Löwen.

Kostbarste Handschrift des zwölften Jahrhunderts

Das Evangeliar Heinrichs gilt als eine der großen Schöpfungen romanischer Buchkunst und ist die kostbarste Handschrift des deutschen zwölften Jahrhunderts. Es entstand wahrscheinlich um 1188 im Benediktinerkloster Helmarshausen nahe dem heutigen Karlshafen. Ein ganz in goldenen Unzialen geschriebenes Widmungsgedicht nennt den Mönch Hermann als den Gestalter. Man wird ihn sich als Leiter einer professionell geführten Schreib- und Malwerkstatt des Klosters vorstellen dürfen.  Auf 266 Pergamentseiten werden die vier Evangelien des Neuen Testaments entfaltet, prunkvoll gerahmt von 50 ganzseitigen Miniaturen, 17 Kanontafeln, vier Evangelistenbildern und vielen Schriftbändern, Bild- und Zierleisten. Mehr als 1.500 kunstvoll gestaltete Initialen zieren den Text. Das Format (34,2 Zentimeter Höhe x 25,3 Zentimeter Breite) ist ungewöhnlich groß, die Farben – darunter Purpur und Gold – von seltenem Aufwand. Dieser Aufwand passte zum Selbstverständnis des machtbewussten Auftraggebers. Der Welfe Heinrich, lange Zeit Herzog von Sachsen und Bayern und mächtigster Reichsfürst,  hatte sich zeitlebens eher auf der Höhe von Königen und Kaisern gesehen, auf die er auch seine Abstammung zurückführte. Er hatte sich bereits mit der Braunschweiger Residenz, in deren Mitte ein bronzener Löwe stand, ein Denkmal gesetzt. Diese Residenz, Pfalz Dankwarderode genannt,  übertraf an Prunk und Größe die königlichen Pfalzen seines staufischen Rivalen, des Kaisers Friedrich I. Barbarossa. Unmittelbar nach der Rückkehr von einer Pilgerfahrt hatte er zudem mit dem Bau einer mächtigen Kirche begonnen, des heutigen Braunschweiger Doms. Obwohl kein Bischofssitz, entsprach der Bau der Form nach mehr einer Bischofs- als einer Stiftskirche. Hier sollten die zahlreichen Reliquien von Heinrichs Pilgerfahrten ihren Platz finden.  Im Jahre 1188 wurde ihr Marienaltar  geweiht.  Aus diesem Anlass übereignete Heinrich das Evangeliar dem Braunschweiger Dom St.Blasius.

Bücher waren im zwölften Jahrhundert sehr teuer. Wir wissen nicht, was Heinrich für das Evangeliar entrichtet hat, aber es galt schon zu seiner Zeit als Kostbarkeit. Als König Georg V. von Hannover es im Jahre 1861 dem Prager Domkapitel abkaufte, um es in den Familienbesitz der Welfen zurückzuholen, ließ er sich das die damals unfassbare Summe

von 10.000 Talern kosten. Und als am 6. Dezember 1983 bei Sotheby’s in London das Evangeliar für 32,5 Millionen Mark für die Bundesrepublik Deutschland ersteigert wurde, galt es als teuerstes Buch der Welt. Heute wird der Codex in der Herzog August Bibliothek in Wolfenbüttel aufbewahrt. Er wird aus konservatorischen Gründen nur alle zwei  Jahre für kurze Zeit ausgestellt. Somit ist es kein Wunder, dass im Jahre 1988 der Insel Verlag Frankfurt triumphierte, als er die Erlaubnis erhielt, das Evangeliar zu faksimilieren. Eine limitierte Gesamtauflage von 950 Exemplaren wurde gefertigt, die stark nachgefragt und schnell ausverkauft waren. Die meisten gingen in Privatbesitz, viele davon ins Ausland.

Faksimiles sind begehrte Ausstellungsstücke

Die Faksimiles sind seitdem begehrte Ausstellungsstücke in Museen und hochrangigen Bibliotheken. Selbst Einzelblätter der Gesamtausgabe sind stark nachgefragt. Das Exemplar mit der Nummer 903, das im Schloss Bevern in der Historischen Bibliothek, Abteilung Gutsbibliothek, steht, kommt aus dem Besitz der aus Deensen stammenden Familie von Campe. Hartung von Campe, Vorsitzender der Familienstiftung, hat es im Dezember 2017 dem Landkreis Holzminden geschenkt. Er erfüllte damit den Wunsch seines verstorbenen Vaters  Asche von Campe, der das Faksimile für seine Privatbibliothek erworben hatte. Mit dem großzügigen Geschenk, das auch die weiter oben genannten Codices und etliche Kommentarbände umfasste, wollte er ausdrücklich die Bedeutung des Weserrenaissanceschlosses Bevern und seiner Historischen Bibliotheken als Kulturstätte stärken. Damit verbunden war sein Wunsch nach einer sachgerechten Verwahrung und Betreuung. So ist das wunderschöne Geschenk für den Landkreis ein Grund zu Freude und Stolz und eine Verpflichtung zugleich. (Werner Wellmann)

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